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Orientierung

Ausbildung, duales Studium oder erst mal arbeiten: wie du das entscheidest

Nicht nach Prestige und nicht nach dem, was die Familie sagt. Sechs Fragen, die die Entscheidung tatsächlich treffen – und was sie in Geld und Zeit bedeutet.

7 min von Steven Schulz


Die Frage wird meistens falsch gestellt. „Ausbildung oder Studium“ klingt nach einer Entscheidung über deinen Wert – als ob eine Antwort die ehrgeizige und die andere die bescheidene wäre. Das ist Unsinn, und es ist teurer Unsinn, weil es dazu führt, dass Leute sich für den Weg entscheiden, der von außen besser aussieht, statt für den, auf dem sie gut sind.

Die Entscheidung ist nüchterner, als sie sich anfühlt. Sie hat sechs Fragen, keine davon handelt von Prestige, und am Ende steht keine Berufung, sondern ein Vertrag für die nächsten zwei bis vier Jahre. Das ist eine überschaubare Größe.

Frage 1: Lernst du besser, indem du etwas tust oder indem du darüber liest?

Das ist die einzige Frage, bei der du sicher etwas über dich weißt – du hast dreizehn Jahre Erfahrung mit dir selbst als Lernender.

Wenn du in Mathe verstanden hast, wozu eine Formel gut ist, sobald du sie einmal angewendet hast, aber nicht, wenn sie dreimal erklärt wurde: Ausbildung. Wenn es umgekehrt war und dich die Herleitung mehr interessiert hat als das Ergebnis: Studium. Wenn beides zutrifft – was häufiger vorkommt, als man denkt: duales Studium, denn genau dafür ist es gebaut.

Diese Frage ist wichtiger als die Note auf dem Zeugnis. Menschen, die praktisch lernen, holen im Betrieb in einem halben Jahr auf, was im Klassenzimmer nach Rückstand aussah.

Frage 2: Wie lange kannst du wenig verdienen?

Das ist die härteste Frage, und sie wird am seltensten offen gestellt.

Eine Ausbildung zahlt von Anfang an, und wie viel mindestens, ist gesetzlich geregelt. Es ist kein Gehalt, von dem man eine Wohnung finanziert, aber es ist Geld, das jeden Monat kommt. Ein duales Studium zahlt ähnlich, manchmal etwas mehr. Ein reines Studium zahlt nichts; du lebst von BAföG, von einem Nebenjob, von der Familie oder von einer Mischung aus allen dreien.

Wenn niemand da ist, der einspringt, wenn eine Waschmaschine kaputtgeht, ist das nicht ein „Argument“ – dann ist es die Entscheidung. Ein Weg, der finanziell nicht trägt, wird nicht dadurch tragfähig, dass er der richtige gewesen wäre. Was in der Ausbildung an Geld möglich ist, steht in Ausbildungsvergütung; was daneben noch geht, in Geld neben der Ausbildung.

Frage 3: Wie sicher bist du dir bei der Richtung?

Hier lohnt es sich, ehrlich zu sein, denn die Wege verzeihen Unsicherheit unterschiedlich gut.

Eine Ausbildung ist relativ schmal: du lernst einen Beruf, nicht ein Feld. Das ist ein Vorteil, wenn du diesen Beruf willst, und ein Nachteil, wenn du in Wahrheit „irgendwas mit Technik“ willst. Ein Studium ist breiter und verschiebt die Entscheidung um zwei bis drei Jahre nach hinten – was Geld kostet, aber manchmal genau richtig ist.

Und wenn du es wirklich nicht weißt: Probier es aus, bevor du unterschreibst. Ein Praktikum über die Sommerferien kostet dich sechs Wochen und erspart dir im Zweifel zwei Jahre. Es ist die billigste Information, die in dieser ganzen Entscheidung zu haben ist, und fast niemand holt sie sich.

Frage 4: Ist der Beruf, den du willst, überhaupt ein Ausbildungsberuf?

Klingt trivial, wird ständig übersehen. Es gibt Berufe, in die es praktisch nur über eine Ausbildung geht, und Berufe, in die es praktisch nur über ein Studium geht – und die Grenze liegt nicht dort, wo man sie vermutet.

Im Handwerk und in der Gastronomie führt der Weg fast immer über die Ausbildung. In IT, Marketing und Personal fast nie – dort laufen die Einstiege über duales Studium, Praktikum und Werkstudentenstellen, auch in Berufen, die keine Hochschulausbildung brauchen. Das ist keine Bewertung, sondern gewachsene Gewohnheit einer Branche, und du kämpfst besser nicht dagegen an.

Auf jeder Feldseite in diesem Portal stehen die Zahlen dazu direkt unter der Überschrift: wie viele der heutigen Stellen über welchen Weg laufen. Zwei Minuten Nachsehen ersparen dir eine Bewerbungsstrategie, die in diesem Feld niemand benutzt.

Frage 5: Was passiert, wenn du dich irrst?

Die wichtigste Frage, weil die Antwort erleichternd ist: Es ist in jedem Fall reparabel, und die Reparatur wird mit jedem Jahr, das du schon investiert hast, teurer.

  • Ausbildung abgebrochen: Du kannst mit vier Wochen Frist kündigen, wenn du die Ausbildung aufgeben oder in einen anderen Beruf wechseln willst (§ 22 Abs. 2 BBiG). Anrechnung der bisherigen Zeit ist möglich, wenn der neue Beruf verwandt ist. Was du vorher wissen solltest, steht in Ausbildung abbrechen.
  • Studium abgebrochen: Du fängst eine Ausbildung an und bist damit in guter Gesellschaft – Studienabbrecher sind bei vielen Betrieben ausdrücklich willkommen, weil sie älter und entschiedener sind.
  • Duales Studium abgebrochen: Hier ist es am teuersten, wegen der Bindungs- und Rückzahlungsklauseln. Lies genau diesen Teil des Vertrags zweimal.
  • Ausbildung fertig, Beruf passt nicht: Der harmloseste Fall. Ein abgeschlossener Beruf ist die beste Grundlage, die man für einen Wechsel haben kann – deutlich besser als ein leerer Lebenslauf.

Frage 6: Und was sagen die anderen?

Diese Frage steht hier, weil sie ohnehin gestellt wird, und zwar meistens am Küchentisch.

Der Satz „mach doch erst mal Abitur, dann kannst du immer noch“ ist nicht falsch – Optionen offen zu halten hat einen Wert. Er ist nur nicht kostenlos: zwei Jahre Schule sind zwei Jahre, in denen jemand anderes bereits verdient, lernt und Verantwortung bekommt. Und die Umkehrung stimmt genauso: mit einer abgeschlossenen Ausbildung kannst du studieren, in den meisten Bundesländern auch ohne Abitur, nach einigen Jahren Berufspraxis.

Es gibt also keine Sackgasse. Es gibt nur unterschiedliche Reihenfolgen. Wer dir erzählt, eine Entscheidung mit siebzehn legt dein Leben fest, hat entweder Sorge oder verkauft dir etwas.

Drei Irrtümer, die diese Entscheidung regelmäßig verderben

„Mit Abitur wäre eine Ausbildung Verschwendung.“ Ein Drittel der Ausbildungsanfänger in kaufmännischen und technischen Berufen hat eine Hochschulzugangsberechtigung, und in mehreren Berufen ist das Abitur faktisch Voraussetzung geworden. Ein Abitur ist keine Verpflichtung zu studieren, es ist eine Erlaubnis. Erlaubnisse muss man nicht einlösen.

„Studieren heißt später mehr verdienen.“ Im Mittel stimmt das, und im Mittel wohnt niemand. Ein Meister im Handwerk mit eigenem Betrieb verdient mehr als ein durchschnittlicher Geisteswissenschaftler; eine Fachinformatikerin mit fünf Jahren Praxis verdient in vielen Unternehmen dasselbe wie ihr Kollege mit Bachelor, der zwei Jahre später angefangen hat. Der Zusammenhang ist nicht der Abschluss, sondern was knapp ist.

„Ich muss jetzt wissen, was ich mein Leben lang mache.“ Das hat nie jemand gewusst. Was du jetzt entscheidest, ist der Vertrag für die nächsten Jahre – und du entscheidest damit vor allem, wie du die nächste Zeit verbringst: in einem Betrieb mit Kollegen und festem Feierabend, oder an einer Hochschule mit freier Zeiteinteilung und Prüfungsphasen. Das sind zwei Lebensformen, und darin liegt der Unterschied, den du tatsächlich spüren wirst.

Ein Vorgehen, das funktioniert

Wenn du nach diesen sechs Fragen noch unentschieden bist, dann in dieser Reihenfolge:

  1. Schreib auf, wie viel Geld du monatlich brauchst. Nicht schätzen – ausrechnen, mit Miete oder Fahrtkosten. Diese Zahl schließt manche Wege aus, und das ist eine Erleichterung.
  2. Suche drei konkrete Stellen, nicht drei Berufe. Eine Ausbildungsstelle, einen dualen Studienplatz, einen Direkteinstieg in dem Feld, das dich interessiert. Lies die Anzeigen ganz.
  3. Vergleich, was tatsächlich drinsteht: Vergütung, Dauer, Arbeitszeit, Ort. Drei echte Angebote sind eine bessere Entscheidungsgrundlage als drei Berufsbilder, weil in einem Berufsbild niemand bezahlt wird.
  4. Sprich mit einer Person, die den Weg gegangen ist, und frag sie nach dem ersten Jahr. Nicht nach dem Beruf – nach dem ersten Jahr. Dort entscheidet sich, wer bleibt.
  5. Dann entscheide, und zwar für eine Sache. Zwei Wege halb zu verfolgen ist der einzige Fehler in dieser Liste, der wirklich Zeit kostet.

Und eine letzte Sache: Diese Entscheidung fühlt sich groß an, weil sie die erste ist, die niemand für dich trifft. Sie ist trotzdem nur eine von vielen. Die Leute, die zufrieden mit ihrer Arbeit sind, haben fast nie von Anfang an gewusst, wo sie landen – sie haben angefangen und dann korrigiert.

Wo es heute Stellen gibt, für die niemand Erfahrung von dir verlangt, steht in der Liste. Das ist die Seite, mit der man anfängt.

Und jetzt?

Wissen hilft beim Entscheiden, nicht beim Anfangen. In der Liste stehen heute alle Stellen, für die niemand Berufserfahrung von dir verlangt.

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