Keine Berufserfahrung? Das sind deine sechs Wege in den Job
Ausbildung, duales Studium, Direkteinstieg, Praktikum, Werkstudentenstelle, Trainee – was die sechs Wege unterscheidet, was sie dir zahlen und was sie dich kosten.
8 min von Steven Schulz
„Berufserfahrung erforderlich“ ist der Satz, an dem die meisten ersten Bewerbungen scheitern – und zwar bevor sie geschrieben werden. Man liest ihn in drei Anzeigen hintereinander und schließt daraus, dass der Arbeitsmarkt eine Tür mit einem Schloss ist, für das man den Schlüssel erst bekommt, wenn man schon drin war.
Das ist falsch, und man kann es nachzählen. In diesem Portal steht keine einzige Anzeige, für die jemand Berufserfahrung von dir verlangt – und es sind Tausende. Sie verteilen sich auf genau sechs Wege. Wenn du weißt, welche das sind und was sie voneinander unterscheidet, lautet die Frage nicht mehr „nimmt mich überhaupt jemand“, sondern „welcher von sechs passt zu meinem Leben“. Das ist eine deutlich angenehmere Frage.
Warum es überhaupt Stellen ohne Erfahrung gibt
Es gibt sie nicht aus Nettigkeit. Ein Betrieb, der eine Ausbildungsstelle ausschreibt, tauscht zwei Jahre Anleitung gegen die Aussicht, danach eine Fachkraft zu haben, die er nicht suchen musste. Ein Unternehmen, das Werkstudenten einstellt, bekommt qualifizierte Arbeit zu einem Preis, für den es keine fertige Fachkraft bekäme. Ein Trainee-Programm ist ein Auswahlverfahren mit Gehalt.
Das ist keine Ernüchterung, sondern deine Verhandlungsposition: du bringst etwas mit, das gebraucht wird. Und es erklärt, warum die sechs Wege so verschieden bezahlt und so verschieden verbindlich sind – je mehr ein Betrieb in dich investiert, desto länger will er dich behalten.
Daraus folgt eine Regel, die dir beim Sortieren hilft: je länger dich ein Weg bindet, desto mehr bekommst du dafür – und desto gründlicher solltest du ihn prüfen. Eine Werkstudentenstelle kannst du nach einem Semester wechseln, ohne dass jemand etwas dabei findet. Einen Ausbildungsvertrag zu lösen ist möglich, aber es ist eine Entscheidung mit Formularen. Und ein duales Studium mit Bindungsklausel kann dich nach dem Abschluss zwei Jahre kosten, in denen du nicht frei bist. Keiner dieser Wege ist deshalb schlechter. Sie sind nur unterschiedlich teuer, wenn man sich irrt.
Weg 1: Die Ausbildung
Zwei bis dreieinhalb Jahre, Vertrag mit einem Betrieb, Unterricht in der Berufsschule, Abschlussprüfung vor der Kammer. Danach hast du einen Beruf, und zwar einen, der bundesweit anerkannt ist und dessen Bezeichnung überall dasselbe bedeutet.
Was dafür spricht: Du verdienst von Tag eins Geld, und wie viel mindestens, steht im Gesetz (§ 17 Abs. 2 Berufsbildungsgesetz). Du lernst im Betrieb und nicht im Hörsaal. Und du bist am Ende in einem Arbeitsmarkt, in dem es in vielen Feldern mehr Stellen als Bewerber gibt.
Was du wissen solltest: Die Vergütung schwankt zwischen zwei Betrieben im selben Beruf um mehrere hundert Euro im Monat, weil Tarifverträge sie sehr unterschiedlich regeln. Was das im Einzelnen heißt, steht in was dir in der Ausbildung zusteht. Und: der Vertrag bindet dich nach der Probezeit fester, als du vielleicht denkst.
Offene Stellen: Ausbildung.
Weg 2: Das duale Studium
Studium und Betrieb parallel, in Blöcken oder Tagen aufgeteilt, drei bis vier Jahre. Am Ende hast du einen Bachelor und mehrere Jahre Praxis – die Kombination, für die Absolventen mit reinem Studium normalerweise noch ein Jahr Einarbeitung brauchen.
Der Haken ist die Bewerbungsfrist. Duale Studienplätze werden bis zu fünfzehn Monate vor dem Start besetzt. Wer im September anfangen will, bewirbt sich im Herbst des Vorjahres – nicht im Frühjahr. Das ist der häufigste Grund, aus dem dieser Weg ausfällt: nicht Ablehnung, sondern Timing. Wie du das richtig anlegst, steht in Bewerbung ein Jahr im Voraus.
Zwei Bauarten, die man auseinanderhalten muss: das ausbildungsintegrierte duale Studium schließt eine vollständige Ausbildung mit Kammerprüfung ein – du hast am Ende zwei Abschlüsse. Das praxisintegrierte hat nur Praxisphasen ohne eigene Prüfung. Beides heißt „dual“, und beides steht so in den Anzeigen.
Und der Preis: Du hast keine Semesterferien. Was bei anderen Urlaub ist, sind bei dir Praxisphasen; Urlaub nimmst du aus deinen Urlaubstagen wie jeder Angestellte. Viele Verträge enthalten außerdem eine Bindungsklausel – bleibst du nach dem Abschluss nicht eine vereinbarte Zeit, zahlst du Studiengebühren zurück. Das ist zulässig, wenn es angemessen ist, und es gehört gelesen, bevor du unterschreibst.
Offene Stellen: duales Studium.
Weg 3: Der Direkteinstieg
Eine normale, oft unbefristete Stelle, ausgeschrieben ohne Erfahrungsanforderung. Kein Programm, kein Ausbildungsvertrag – du bist Angestellte oder Angestellter mit vollem Gehalt ab dem ersten Tag.
Das ist der am meisten unterschätzte Weg. Er ist unauffällig, weil er nach nichts Besonderem aussieht, und er ist deshalb weniger umkämpft als jedes Trainee-Programm. Gerade in Feldern mit Personalmangel – Pflege, Logistik, Handwerk, Verkauf – stellen Betriebe ein und lernen dich an, weil sie sonst niemanden bekommen.
Was du prüfen solltest: wie die Einarbeitung aussieht. Ein Direkteinstieg ohne Plan ist der Weg, auf dem man am schnellsten ins Wasser geworfen wird. Frag im Gespräch konkret: Wer zeigt es mir, wie lange, und was soll ich nach drei Monaten können? Die Antwort sagt dir mehr über den Arbeitgeber als jede Karriereseite. Deine Probezeit dauert übrigens bis zu sechs Monate, und in ihr können beide Seiten mit zwei Wochen Frist kündigen (§ 622 Abs. 3 BGB).
Offene Stellen: Direkteinstieg.
Weg 4: Das Praktikum
Wochen bis Monate, zum Lernen und zum Ausprobieren. Der Weg mit dem größten Unterschied zwischen gut und schlecht: ein gutes Praktikum ist die billigste Möglichkeit herauszufinden, ob ein Beruf zu dir passt, bevor du Jahre hineinsteckst. Ein schlechtes ist unbezahlte Arbeit mit einem Zeugnis am Ende.
Ob dir Mindestlohn zusteht, hängt nicht vom Wohlwollen des Betriebs ab, sondern von § 22 Abs. 1 Mindestlohngesetz: Pflichtpraktika aus der Schul- oder Studienordnung sind ausgenommen, ebenso freiwillige Praktika bis drei Monate zur Orientierung oder begleitend zu Ausbildung und Studium. Ein freiwilliges Praktikum, das länger als drei Monate dauert, ist voll mindestlohnpflichtig – vom ersten Tag an, nicht ab dem vierten Monat. Welche Praktika sich lohnen und welche nicht, steht in Praktikum: welches sich lohnt.
Offene Stellen: Praktikum.
Weg 5: Die Werkstudentenstelle
Bezahlte Arbeit neben dem Studium, meist in dem Feld, in dem du später arbeiten willst, oft über mehrere Semester. Aus Sicht des Berufseinstiegs ist es der effizienteste Weg überhaupt: du verdienst Geld, sammelst genau die Erfahrung, die dir später fehlen würde, und viele Werkstudenten bekommen nach dem Abschluss ein Angebot von genau diesem Arbeitgeber.
Die Bedingung ist eine Zahl: zwanzig Stunden pro Woche während der Vorlesungszeit. Wer darüber liegt, verliert das Werkstudentenprivileg – und damit werden Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge fällig, die vorher nicht anfielen. Was das netto bedeutet und wie die Ferienregelung funktioniert, steht in die 20-Stunden-Regel.
Offene Stellen: Werkstudent.
Weg 6: Das Trainee-Programm
Zwölf bis vierundzwanzig Monate, mehrere Abteilungen, festes Gehalt, danach eine reguläre Stelle. Gedacht für Leute, die einen Hochschulabschluss haben und noch nicht wissen, welcher Teil des Unternehmens zu ihnen passt.
Der Vorteil ist die Rotation: du siehst in einem Jahr drei oder vier Abteilungen, und das ist eine Auskunft über dich selbst, die man sonst nur über Jahre bekommt. Der Nachteil steht im Kleingedruckten: Trainee-Stellen sind oft befristet, und die Anschlussstelle ist nicht immer zugesagt. Frag danach – die Quote, wie viele Trainees des letzten Jahrgangs übernommen wurden, kennt jede Personalabteilung, und wer sie nicht nennen will, hat sie trotzdem.
Offene Stellen: Trainee.
Wie du zwischen ihnen wählst
Nicht nach Prestige, sondern nach zwei Fragen.
Die erste: Willst du jetzt Geld oder später mehr Geld? Ausbildung, Direkteinstieg und Werkstudentenstelle zahlen sofort. Das duale Studium zahlt sofort etwas weniger und später deutlich mehr. Ein unbezahltes Pflichtpraktikum zahlt nichts und kauft dir eine Information.
Die zweite: Weißt du, was du willst? Wenn ja, nimm den kürzesten Weg dorthin – meistens Ausbildung oder Direkteinstieg. Wenn nein, nimm den Weg, der dir am schnellsten zeigt, ob du richtig liegst: Praktikum, Werkstudentenstelle, Trainee. Ein Irrtum, den man nach sechs Wochen bemerkt, ist billig. Einer, den man nach zwei Jahren bemerkt, ist es nicht – wobei auch das kein Weltuntergang ist, siehe Ausbildung abbrechen.
Welcher Weg in welchem Feld überhaupt üblich ist, siehst du an den Zahlen: im Handwerk führt fast alles über die Ausbildung, in der IT über duales Studium und Werkstudentenstellen, in Personal und Marketing praktisch nur über Praktikum und Werkstudentenjob. Das ist keine Meinung, das steht auf den Feldseiten unter jeder Überschrift.
Was eine Anzeige dir sagen muss
Zum Schluss die Sache, die dir die Suche am meisten erleichtert: Du musst nicht jede Anzeige gleich ernst nehmen.
Eine Anzeige, die Vergütung, Startdatum, Arbeitszeit und einen genauen Ort nennt, kommt von jemandem, der weiß, wen er sucht. Eine Anzeige mit vier Zeilen Text, ohne Geld, ohne Datum, ohne Adresse ist entweder eine Personalvermittlung oder eine Stelle, über die im Unternehmen noch nicht entschieden ist. Bewirb dich trotzdem, wenn sie passt – aber rechne mit Rückfragen und nicht mit einem Vertrag.
Genau das ist der Grund, warum in diesem Portal in jeder Zeile steht, wie viel die Anzeige verrät. Es ist die einzige Auskunft, die wir über eine Stelle haben, ohne dort angerufen zu haben – und sie ist erstaunlich zuverlässig. Der Rest steht in der Liste aller Stellen.
Und jetzt?
Wissen hilft beim Entscheiden, nicht beim Anfangen. In der Liste stehen heute alle Stellen, für die niemand Berufserfahrung von dir verlangt.
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